Ein Überblick am Beispiel von Klein- und Mittelstädten
Thomas Gunzelmann
Donnerstag, 27. Februar 2025
Forschende, beratende, planende, vermittelnde und gutachterliche Tätigkeit
In Bezug auf historisch geprägte, objektübergreifende Denkmalkomplexe (Dorf – Stadt – Kulturlandschaft)
Nicht nur als Teildisziplin der Denkmalpflege
Sondern auch Akteur einer übergeordneten Raumentwicklung, dem die Aufgabe zukommt, raumbezogene Denkmalwerte als positiven und nachhaltigen Bestandteil dort einzubringen
Für diesen Zweck hat sich die „städtebaulich-denkmalpflegerischen Ortsanalyse“ als ein geeignetes Instrument erwiesen



Seit 1988: Programm zur standardisierten städtebaulich-denkmalpflegerischen Dorfbestandsaufnahme im Rahmen des bayerischen Dorferneuerungsprogramms
Einheitliches Anforderungsprofil
Bisher etwa 1100 Ortsanalysen
Seit 2014 übernimmt die Ländliche Entwicklung die Finanzierung und Abwicklung, das BLfD die fachliche Beratung und Prüfung
Im Regelfall leider nur auf Anforderung einsehbar

Gerichtet auf Kleinstädte und kleinere Mittelstädte oder deren Quartiere
Zusammenarbeit mit Kommune und Städtebauförderung
In manchen Fällen auch andere Anlässe, z.B. Wettbewerbe im Ensemble
Standardisiertes Anforderungsprofil, in Einzelfällen in Quartieren Erhöhung der Eindringtiefe

Denkmalpflegerische Wertepläne für die Gesamtanlagen in Baden-Württemberg ca. 60 erarbeitet

Ortsanalyse. Seit 2007, standardisiert, für ländliche Siedlungen, aufbauend auf dem Modell des bayerischen DEB

Städtebaulich-denkmalpflegerische Aufnahmen (SDA)
Für Stadt- und Ortskerne
Planungs- und Vermittlungsbezogen

Einzelfälle – Schleswig-Holstein (Glückstadt)

Im Lauf der Jahre haben sich drei Gruppen von Ortsanalysen herausgebildet:
Programmbezogene der Denkmalfachbehörden: standardisiert (auf Basis einer Leistungsbeschreibung/Anforderungsprofils)
Anlassbezogene aufgrund von Eingriffen oder Entwicklungsmaßnahmen: flexibel nach Eindringtiefe
Denkmalkundliche Projekte, längerfristig angelegt, wenig anlassbezogen
Kulmbach (Publ. Gunzelmann, Thomas/Kühn, Angelika/Reichert, Christiane, Kulmbach – das städtebauliche Erbe: Bestandsanalyse zur Erstellung eines städtebaulich-denkmalpflegerischen Leitbilds, München 1999 (= Arbeitshefte des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege 102))
Bamberg (Publ. Gunzelmann, Thomas: Stadtdenkmal und Denkmallandschaft, Bamberg/München/Berlin 2012 (= Die Kunstdenkmäler von Bayern. Stadt Bamberg 1))
Ellwangen (Jagst) (Publ. Eidloth, Volkmar/Schneider, Marie: Ellwangen und seine Denkmäler. Geschenk und Verpflichtung. Denkmalpflegerischer Fachplan, hrsg. v. Geschichts- und Altertumsverein Ellwangen e. V/ Stadt Ellwangen (Jagst), Ellwangen (Jagst) 2014.)
Topographie: Zusammenwirken von Oberflächenformen und Gewässernetz im engeren Bereich der Siedlung
Geologie, Boden, Klima, Vegetation

Funde und Befunde
Stadtarchäologische Analysen
Archivquellen
Gedruckte Quellen

Historische Grafik
Historische Fotos
Historische Luftbilder

Kartengrundlagen
„Geschichtskarten“
Gedruckte Karten
Stadtpläne
Katasterkarten
Topographische Karten
Handgezeichnete Karten

Als Basis für eigene Kartierungen wird die ALKIS®-Flurkarte (Amtliche Liegenschaftskatasterinformationssystem) verwendet
Enthält sämtliche grafischen Informationen zu den Liegenschaften (Flurstücke und Gebäude)
Die Verfügbarkeit ist mittlerweile sehr gut. Sie ist nicht nur online, sondern meist auch als WFS, also im weiterverarbeitungsfähigen Vektorformat erhältlich1
Deutschlandweite Sammlung der GeoBasisdaten mit aktuellen Links bietet das QGIS-Plugin: GeoBasis_Loader


Links: Urkataster Bad Karlshafen 1873. Mitte: Urkataster Bad Orb 1847 Rechts. Urkataster Bad Homburg 1787, dort auch noch 1822/26 und 1872/74 verfügbar: Quelle: Urkatasterkarten Hessischer Städte by Hessisches Institut für Landesgeschichte is marked with CC0 1.0
Stadtmodelle können analog-plastisch oder zunehmend digital sein
Historische Stadtmodelle
Aktuelle Stadtmodelle mit wissenschaftlichem und geodätischem Anspruch können die Ortsbegehung digital ergänzen (Digitaler Zwilling)

Die historische Ortsanalyse arbeitet in hohem Maße mit non-verbalen Quellen. Die zentralen Objekte der Ortsanalyse sind
Die historisch gebaute Substanz der Stadt
Die historische Stadtstruktur
Beide Bereiche besitzen eine eigene, jeweils zu interpretierende Quellenaussage
Zugleich ist die Analyse des Zusammenwirkens von Bauten und Strukturen ein wesentliches Ziel. Diese Zusammenhänge sind es, die das Stadtdenkmal erst zu einem Ganzen machen, das mehr ist, als die Summe seiner Teile
Alle anderen verbalen und non-verbalen Quellen werden zur Erläuterung dieser beiden Bereiche herangezogen
Die eher immaterielle Parzellenstruktur macht die Besitz- und damit auch Machtverhältnisse, Planungskonzepte, Planungsprozesse und deren Brüche im Lauf der Geschichte deutlich.
Ihre Persistenz ist hoch
Frühere Zustände können rekonstruiert werden
In gewissen Umfang lässt sie auch Analogieschlüsse zu, die für gewisse Eigenarten bestimmter Phasen der mitteleuropäischen Stadtentwicklungsgeschichte typisch sind

Räume sind geschichtliche Orte der Gemeinschaft, der Repräsentation und des geistigen und materiellen Austausches:
Platzräume von historischer Bedeutung
Straßenräume von historischer Bedeutung
Grün- und Freiräume von historischer Bedeutung
Wasserflächen von historischer Bedeutung


Nicht-substanzhafte Eigenschaften von Objekte/Objektzusammenhängen und deren meist ebenso wenig materiell ausgeprägten Bezüge untereinander
Verletzbar, verminderbar, damit auch konservierbar und bewahrenden und pflegenden Bemühungen zugänglich
Bezüge des Denkmals zum Raum
Blickbeziehungen nach geometrisch-formalen Kriterien. Entwurf und Grafik: Thomas Gunzelmann; Zeichnungen: Anja Wiegel
Die Methoden der Ortsanalyse sind wissenschaftlich und (zumeist) systematisch strukturiert. Sie bestehen aus:
Sie bedient sich der Ansätze unterschiedlicher Disziplinen (Bau- und Kunstgeschichte, Stadtgeschichte, Stadtbaugeschichte, Historische Geographie, Stadtarchäologie etc.), ist also multidisziplinär
Sie wird begrenzt durch ihren Charakter als Planungs- und Vermittlungsinstrument und durch die zur Verfügung stehenden zeitlichen und finanziellen Ressourcen
Methodisch geht es also nicht um die Verschiebung bestehender wissenschaftlicher Grenzen, sondern um eine Darstellung des Bekannten in vergleichbarer Form mit dem Schwerpunkt auf der Bewertung der baulichen Substanz und räumlichen Strukturen einer Stadt und deren Zusammenwirken
Merksatz
Städtebaulich-denkmalpflegerische Ortsanalyse bedeutet in methodischer Hinsicht, die bauliche Substanz und städtebauliche Struktur und deren Zusammenwirken als materielle Geschichtsquelle zu sehen und diese mit anderen Quellen, wie Archivalien und Literatur, Bildern und Karten in eine raum-zeitliche Beziehung zu setzen, zu dokumentieren und zu bewerten und damit den historischen Ort lesbar zu machen.
Analyse historischer Karten und der Abgleich mit aktuellen ermöglichen oft neue Zugänge zur historischen Stadtentwicklung und Stadtstruktur
wichtig ist die Kombination historischer mit möglichst zeitgleichen schriftlichen Quellen
unter Einbeziehung serieller Quellen lassen sich quantitativ untermauerte Aussagen treffen
Beispiele für Analysekarten (zu bestimmten Zeitschnitten)
Überlagerungskarten
Sozialtopographische Karten
Karten der Bauten mit besonderen Funktionen
Stadtfunktionskarten
Methode: Ortsbegehung mit Kartierung und Fotodokumentation
Kann analog, z.T. bei guter Vorbereitung auch digital erfolgen
Unterstützung durch lokale Experten (Synergie: Wissenszuwachs/Transport der Ziele der Ortsanalyse in die Bürgerschaft)
Es ist der historische Wert des Gebäudes (Eigenwert) wie auch der Wert des Gebäudes für seine Umgebung und den städtebaulichen Zusammenhang (struktureller Wert) zu beurteilen.
Die Kubatur sollte grundsätzlich weitgehend unverändert erhalten sein wie auch – wenigstens in Teilen – die bauliche Detailausstattung
Muss zur historischen Ortsgestalt beitragen und kann – muss aber nicht – ein wichtiges Element der Ortsstruktur sein
Wie beim Denkmal gibt es keine absolute Zeitgrenze für ihre Einstufung
Regionaltypische Bauweise und regionaltypische Baumaterialien sprechen für eine Einstufung als erhaltenswerten, ortsbildprägenden Bau
Bauten aus den nicht-landschaftsgebundenen Zeitschichten des 19. und 20. Jahrhunderts sind zu berücksichtigen, wenn sie einen entsprechenden historischen Aussagewert besitzen
Der strukturelle Wert hängt vom übergeordneten Wert des Quartiers oder Straßenraums ab. Weisen diese keinen historisch-stadtstrukturellen Wert auf, so kann auch der Einzelbau keinen besitzen.
Einfügung in die spezifische Parzellenstruktur des Quartiers
Einfügung in die spezifische Kubatur des Quartiers
Vergleichbare Trauf- und Firsthöhe
Vergleichbare Fassadengestaltung
Erfassung durch Begehung, Karten- und Luftbildauswertung
Fotografische, kartografische und textliche Dokumentation
Bewertung: Raumsituation muss eine Rolle in der Stadtgeschichte spielen
Grad der historischen Überlieferung wird bestimmt durch den Bearbeiter: Grobe Faustregel: Stimmen die Raumkanten mit zu definierendem historischen Zeitschnitt überein und wurden mehr als 50% der Raumwände als Denkmal/erhaltenswert kartiert, ist von einer historischen bedeutsamen Raumsituation auszugehen
Bei Grün- und Freiflächen wie Wasserflächen ist ebenfalls der Abgleich mit einen zu definierendem historischen Zeitschnitt herzustellen. Neben Substanz spielt aber auch die funktionale Persistenz eine wesentliche Rolle
Städtebauliche Brüche (Brand, Kriegszerstörung, großflächige Anwendung neuer städtebaulicher Leitbilder) sind zu berücksichtigen und können eigene Wertigkeit entfalten
Visuelle, strukturell-funktionale und symbolisch-assoziative Relationen von Denkmalen zum Raum können:
werden. Über die Erfassung und Bewertung von Blickbeziehungen hinaus gibt es noch wenige Beispiele einer konsequenten Integration in Ortsanalysen.

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Karte der denkmalpflegerischen Interessen ist das für die Stadtplanung wichtigste und zusammenfassende Ergebnis der städtebaulich-denkmalpflegerischen Untersuchung.
Nur die „Karte vermag eine geschlossene Summe von Beobachtungen und Erkenntnissen raumanschaulich und übersichtlich darzustellen“ (HASSINGER 1916, S. 1)
Es sollen alle Elemente des Objektkatalogs mit ihrer Bewertung auf der Karte zu finden sein
Sie zeigt den heutigen Zustand der alten Stadt als komplexes, raum-zeitliches System, das Stadtdenkmal als Netzwerk von Denkmalbezügen auf
Tutorial: Städtebaulich-denkmalpflegerische Analysen mit GIS. Handreichung für die Praxis. Online verfügbar
Wie verhält sich die Ortsanalyse zum etablierten Instrument der Denkmaltopographie?
Wie ist eine schlüssige und weitgehende Digitalisierung erreichbar?
Braucht es einen stärkeren Austausch oder Vereinheitlichung zwischen den Denkmalfachbehörden/Bundesländern?
Gibt es Überlegungen, eine einfache Fortschreibung zu ermöglichen?
Literatur
Richard Strobel / Felicitas Buch: Ortsanalyse. Zur Erfassung und Bewertung historischer Bereiche (Arbeitshefte des Landesdenkmalamts Baden-Württemberg 1). Stuttgart 1986.
Thomas Gunzelmann / Manfred Mosel / Gerhard Ongyerth: Denkmalpflege und Dorferneuerung. Der denkmalpflegerische Erhebungsbogen zur Dorferneuerung (Arbeitshefte des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege 93). München 1999.
Volkmar Eidloth: Stadthistorische Bestandsanalyse. Geschichte – Theorie – Praxis. In: Die Alte Stadt (2007), 34, S. 131–145.
Martin Hahn (Hrsg.): Erfassen – Erkennen – Erhalten. (Arbeitshefte des Landesdenkmalamts Baden-Württemberg 26). Stuttgart 2012.
Martin Hahn: stadt_denkmal_substanz – Wertepläne für die Gesamtanlagen in Baden-Württemberg, in: Landesamt für Denkmalpflege Schleswig-Holstein (Hrsg.): Denkmalpflege braucht Substanz. Jahrestagung der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland und 83. Tag für Denkmalpflege 7.–10. Juni 2015 in Flensburg, Kiel 2017 (Beiträge zur Denkmalpflege in Schleswig-Holstein), S. 154–160.
Volkmar Eidloth / Gerhard Ongyerth / Heinrich Walgern: Handbuch städtebauliche Denkmalpflege. 2. Aufl. (Berichte zu Forschung und Praxis der Denkmalpflege in Deutschland 19). Petersberg 2019.
Tobias Michael Wolf: Die städtebaulich-denkmalpflegerische Aufnahme. Instrument für die integrierte Stadtentwicklung. In: Denkmal Hessen (2022),1, S. 52–55.