Vortrag beim Institut für Entwicklungsforschung im ländlichen Raum Ober- und Mittelfrankens e.V. im Rahmen der 14. Heiligenstadter Gespräche „Das Fränkische Dorf. Funktionswandel und Denkmalpflege als Aufgabe der Gegenwart“ am Freitag 9.11.2001 in Heiligenstadt/Ofr.
Einleitung
Wir alle sind uns des radikalen Wandels bewusst, den unsere fränkischen Dörfer in den letzten 50 Jahren nicht nur in wirtschaftlicher und sozialer Sicht, sondern auch in baulicher und raumstruktureller Hinsicht mitgemacht haben. Manche der Prozesse, die abgelaufen sind und noch laufen, wurden letztlich bereits zur Mitte des 19. Jahrhunderts in Gang gesetzt, als die letzten Feudalbindungen auf dem Land fielen und gleichzeitig die Möglichkeiten zur Ab- oder gar Auswanderung sich verstärkten, aber wirklich dynamisch, vielleicht sogar exponentiell, verlief dieser Wandel erst in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Zu Beginn eines neuen Jahrtausends, im Zeitalter der Globalisierung mit allen ihren positiven, aber auch schädlichen Wirkungen, die nicht nur den ländlichen Raum der entwickelten Weltregionen erfassen, ist es vielleicht einmal Zeit, sich zu überlegen, wie es denn um das alte Dorf steht.
Dies soll hier unter dem Aspekt des Bewahrens erfolgen, eine zugegeben einseitige Position, die davon ausgeht, dass in den jahrhundertealten Dorfstrukturen auch heute noch soviel Werte stecken, dass Anstrengungen konzeptioneller und materieller Art zu ihrer Erhaltung gerechtfertigt sind.
Zunächst soll daher das alte „fränkische Dorf“ in seinen baulichen und räumlichen Grundstrukturen charakterisiert werden, und diejenigen Qualitäten herausgearbeitet werden, die vielleicht auch in Zukunft noch bauliche und städtebauliche Maßstäbe setzen können. Danach soll der bauliche und räumliche Wandel in seinen unterschiedlichen Dimensionen aufgezeigt werden. Schließlich wird man sich über aktuelle Konzepte im Umgang mit den offen zu Tage tretenden Problemen auseinandersetzen müssen. All dies kann jedoch leider nicht wissenschaftlich auf empirischer Basis, sondern lediglich mit dem subjektiven und sicherlich auch beschränkten Erfahrungshorizont des Denkmalpflegers dargelegt werden.
Das alte „fränkische“ Dorf
Am Anfang dieser Überlegungen muss man sich die Frage stellen, ob es das „fränkische“ Dorf überhaupt jemals gegeben hat, genauso wie in diesem Zusammenhang zu fragen wäre, ob es das „fränkische“ Haus oder allgemeiner, „fränkische“ regionale Baukultur je gegeben hat oder gibt.1
1 Vgl. Thomas Gunzelmann: Die Vermarktung des „Fränkischen“ in Architektur und Ortsgestaltung. In: Frankenland 48/Heft 4 1996, S. 211 - 223.
2 Josef Maria Ritz, (geboren 1892 in Drosendorf bei Bamberg, gestorben 1960 in München), 1950 - 1957 Generalkonservator des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege. Zur Amtszeit von Josef Maria Ritz vgl. Brigitte Huber: Denkmalpflege zwischen Kunst und Wissenschaft. Ein Beitrag zur Geschichte des bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege. Arbeitshefte des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, Band 76. München 1996, hier S. 63 - 65.
3 Josef Maria Ritz: Das unterfränkische Dorf. Reihe Alte Kunst in Bayern (Herausgegeben vom Landesamt für Denkmalpflege). Augsburg 1926.
4 Vgl. Ritz, Dorf, (wie Anm. 3), hier S. V.
5 Das hat gezeigt Heinrich Lamping: Dorf und Bauernhof im südlichen Grabfeld. Zur Analyse der Struktur agrarischer Räume. Würzburger Geographische Arbeiten 17. Würzburg 1966.
Wir können dazu auf eine sehr frühe Dokumentation aus der denkmalpflegerischen Perspektive des Franken Josef Maria Ritz2 aus dem Jahre 1926 mit dem Titel „Das unterfränkische Dorf“ zurückgreifen.3 Der Verfasser hat darin auch festgehalten, was er unter diesem unterfränkischen Dorf verstand und was den besonderen Charakter dieses Dorfes ausmachte. Gleich eingangs hat er in der damaligen expressiven Sprache auf ein wesentliches Merkmal des alten fränkischen Dorfs hingewiesen, was für uns heute nicht mehr gilt und was im Kern auch unsere heutigen Probleme definiert. Er stellte schon damals fest, dass Städte meist „kostbare Gefäße für einen neuen und fremden Inhalt“ seien. „Das Dorf dagegen bildet noch in starken Maße die Einheit von Seinsform und Tätigkeit.“4 Damit wollte er deutlich machen, dass die baulichen und räumlichen Strukturen des Dorfes noch seiner Wirtschafts- und Sozialstruktur entsprachen. Allerdings waren auch schon damals einige über Jahrhunderte stabile Strukturen in Bewegung geraten. Als Beispiel sei das Einsetzen des Pendlerwesens und damit der Beginn der Nebenerwerbslandwirtschaft genannt. In landwirtschaftlichen Gunsträumen war die Mechanisierung und Chemisierung der Landwirtschaft um einiges vorangeschritten und hatte schon einen erheblichen Wandel in der ländlichen Bausubstanz bewirkt.5 Trotzdem musste sich für den von außen nähernden Beobachter, der vor allem die noch einheitlichen Dorfbilder des Grabfeldes und der Haßberge im Blick hatte, das unterfränkische Dorf in einem zutiefst harmonischen und kulturvollen Zustand zeigen.
Lassen wir Ritz weitere charakteristische Merkmale dieses Dorf aufzeigen. Die Kirche ist für ihn Mittelpunkt und Krönung des Dorfes, ihr Turm verleiht dem Dorf sein „Gesicht für die Ferne“ und kann zum Wahrzeichen werden (Abb. 1). Doch der sichtbare religiöse Einfluss beschränkt sich nicht nur auf das Gotteshaus selbst, hinzu treten Kapellen, Bildstöcke, Kreuze, die das Bild des Dorfes wesentlich mitbestimmen (Abb. 2).6 Das grundsätzliche Wesen des Dorfes zeigt sich seiner Auffassung nach aber in Haus und Hof, die das Ergebnis einer mehr als tausendjährigen Erprobung in ihrer jeweiligen natürlichen Umwelt sind und sich daher auf einer hohen Entwicklungsstufe befinden. Das Idealmodell ist für ihn der geschlossene Vierseithof, für welchen er ein Beispiel aus Untereßfeld im Grabfeld anführt, der in ausgeklügelter Weise alle Funktionen eines bäuerlichen Betriebes auf engem Raum vereinigt (Abb. 3). Das Entscheidende ist aber nun, dass sich eine solche Hofanlage nicht eben nur nüchtern-funktional zeigt, sondern dass in vielfältigster Weise die Gelegenheit wahrgenommen wurde, das Haus, wie auch die Hoftore und die Nebengebäude künstlerisch oder mindestens kunsthandwerklich zu schmücken. Alleine das Fachwerk liegt als „weites Feld für Formenfrohheit […] offen, das tausendfach bebaut wurde“ (Abb. 4).7
Aber auch diese wertvollen Details sind für ihn noch nicht alles, es ist das Gesamtbild, die Siedlung, die dieses alles zusammenhält und harmonisch verbindet. Grundmerkmal dieser Siedlung – und dies kann man den unterfränkischen Dörfern auch heute noch ansehen –, ist ihre Tendenz zur Ausbildung einer hohen räumlichen Geschlossenheit. Dabei ist diese Geschlossenheit niemals eine starre, sondern eine vielfältige und in Straßen- und Platzbild bewegte und damit lebendige (Abb. 5 und Abb. 6).
Bedenken wir kurz dieses Urteil über das fränkische Dorf, das gerade ein dreiviertel Jahrhundert alt ist, und analysieren wir aus unserem heutigen, sicherlich weniger emotionalen Blickwinkel nochmals die baulichen und räumlichen Grundmerkmale des alten fränkischen Dorfes. Wiederum darf jedoch eingeschoben werden, dass es das „fränkische Dorf“ nicht gegeben hat, auch nicht das „unterfränkische“ Dorf in dieser von Ritz idealisierten Weise. Die Spannweite der räumlichen Strukturen der „fränkischen Dörfer“ – und in dieser pluralen Form kann man wohl sprechen – ist immens.
Die Weinbaudörfer am Main weisen mit ihren geschlossenen Raumwänden und engen Gassen Strukturen auf, die sie oft nicht mehr von Kleinstädten unterscheiden lassen. Das Einzige was beispielsweise Thüngersheim am Main noch von einer ummauerten Kleinstadt unterscheidet, ist der fehlende Marktplatz (Abb. 7 und Abb. 8).
Das andere Extrem sind die Einzelhof und Streusiedlungsgebiete, die es auch in Franken, vor allem in östlichen Teil, gab und noch gibt. Dazwischen liegen mehr oder weniger dichte und mehr oder weniger planvolle Formen des Dorfes, dessen zahlreiche unterschiedliche Ausprägungen es hier nicht erlauben, ein auch nur einigermaßen vollständiges Bild zu zeichnen. Es sei hier nur auf das kleine Haufendorf des westlichen Oberfrankens in seinem Obstbaumgürtel (Beispiel Romansthal um 1935 Abb. 9) oder auf das historisch junge Straßenangerdorf der Südrhön verwiesen (Beispiel Sandberg um 1935 Abb. 10).
Man muss also immer die Vielfalt mit ihren regional differenzierten Ausprägungen bedenken und so im Umgang mit dem „fränkischen Dorf“ immer auch die jeweilige regionale oder auch lokale Eigenart im Blick zu behalten.
Zudem galt das, was Ritz für das unterfränkische Dorf an charakteristischen Merkmalen herausgearbeitet hatte, sehr wohl auch für die angrenzenden thüringischen und württembergischen Gebiete, letztlich sogar für alle Regionen in Süddeutschland, in denen die Dorfsiedlung die Leitform der Besiedlung darstellte – im Gegensatz beispielsweise zu den Streusiedlungs- und Weilergebieten Altbayerns und Schwabens.
Um das alte Dorf in Franken zu begreifen, wird man heute auch im Rückblick differenzierte regionale, auch wirtschaftliche und soziale, und sogar historisch territorialpolitisch begründete Maßstäbe anlegen müssen. Dann wird zu dem Schluss kommen, dass es zwar qualitätvolle Dörfer in Franken gab, die Qualitäten nicht jedoch über einen Kamm zu scheren sind, sondern durchaus unterschiedlich ausgeprägt waren. Um trotzdem ein mögliches Bündel dieser Qualitäten herauszuarbeiten, sei nun ein Dorf näher betrachtet, das eine Mittelstellung zwischen den nahezu urbanen, höchst verdichteten Dorfsiedlungen des fränkischen Weinlandes und den lockeren Weilern der Mittelgebirge im östlichen Franken einnahm. Anhand einer Luftaufnahme aus der Zeit um 1925 (Abb. 11)8 sollen die grundsätzlichen baulichen und räumlichen Charakteristika nochmals – und nun im Gegensatz zur zeitnahen, durchaus auch emotionalen Auffassung von Ritz aus heutiger Sicht herausgearbeitet werden.
8 Luftbild von Oberoberndorf ca. 1925. Privatbesitz. Publiziert in: Thomas Gunzelmann (Hrsg.): Die Dörfer der Pfarrei Kirchschletten. In: Thomas Gunzelmann: Pfarrei Kirchschletten 1698 - 1998. Festschrift zum 300jährigen Jubiläum der Pfarrei Kirchschletten. Zapfendorf 1998, S. 183 - 224, hier S. 212.
Grundzelle des Dorfes und damit der ländlichen Siedlung war nicht das Haus, wie in den modernen Neubaugebieten auch im ländlichen Raum, sondern der Hof. Dies ergab sich zwingend aus der ländlichen Wirtschafts- und Sozialstruktur, die – wenn auch durchaus nicht flächendeckend in Franken – in hohem Maße von der Landwirtschaft geprägt war. Die häufigste Form des Hofes war die des Hakenhofes, bei dem auf L-förmigen Grundriss eine querstehende Scheune das giebelständig zur Straße stehende Wohnstallhaus ergänzt. Oft findet man einen schmalen Zwischenbau, der zwischen Scheune und Wohnstallhaus kleinere Funktionen beherbergt. In manchen Fällen hatte sich diese zweiseitige Hofanlage zu einer dreiseitigen weiterentwickelt, wobei das nun dem Wohnhaus gegenüberliegende Gebäude zumeist Stall, Lager-, Remisen- und Austragsfunktionen übernahm. In seltenen Fällen, häufiger in den dichten Dörfern des unterfränkischen Gäulandes, aber auch bisweilen im Fichtelgebirge unter dem Einfluss der egerländischen Hofanlage, bildete sich auch eine vierseitige Hofanlage heraus. Ebenfalls selten, aber doch ebenfalls vorkommend finden sich auch einfirstige Höfe, bei denen die Scheune an das Wohnstallhaus direkt anschließt.
Auf dem historischen Luftbild finden sich diese zumeist zweiseitigen Hofanlagen noch ungestört. Sie bestimmen das Dorfbild ausschließlich. Als zeitlose Wertigkeit bleibt in diesem Zusammenhang festzuhalten, die einheitliche und harmonische, in sich schlüssige Dorfstruktur. Die Höfe selbst bieten einen teilweise abgeschlossenen Raum, der durch arbeitstechnisch aufeinanderbezogene Bauten gebildet wird. Diese Räume haben heute eine hohe Aufenthaltsqualität, da sie sowohl intime als auch halböffentliche Bereiche vereinen. Aufgrund der engen Nachbarschaftslage besitzen sie jedoch erhebliches Streitpotential, was hier nicht verschwiegen werden soll.
Als eine gewisse Auffälligkeit auf dem Luftbild ist lediglich festzuhalten, dass die Scheunen in ihrer Kubatur die Wohngebäude zumeist überragen. Dies ist eine Entwicklung, die nicht lange vor der Aufnahme des Luftbildes in der Zeit seit etwa 1870 eingesetzt hatte, als durch die Intensivierung und einsetzende Mechanisierung der Landwirtschaft größere Bergeräume und Lagerräume notwendig wurden. Die Wohnstallhäuser selbst stammen im vorliegenden Beispiel zumeist noch aus dem 18. und frühen 19. Jahrhundert, wenngleich in der landwirtschaftlichen Gründerzeit auch eine Welle von Bauten des ländlichen Historismus die Dörfer erreichte, und damit schon eine erste Phase der Nivellierung im ländlichen Bauwesen einsetzte, die uns heute als solche bisweilen gar nicht bewusst ist.9 Die Bauformen der Wohnstallhäuser glichen sich in Mitteleuropa in dieser Zeit durch Übernahme städtischer Formen und durch den Einfluss der Baugewerkeschulen sehr stark an, wenngleich im Baumaterial und auch in manchen Details zunächst noch eine sehr starke regionale Prägung durchschien.
9 Einen ersten Überblick über diese Phase liefert Herbert May: Betrachtungen zum ländlichen Hausbau im nördlichen Bayern zwischen 1870 und 1930. In: Gerd Dahms, Giesela Wiese, Rolf Wiese (Hrsg.): Stein auf Stein. Ländliches Baueen zwischen 1870 und 1930. Arbeit und Leben auf dem Lande, Band 6. Rosengarten-Ehestorf 1999, S. 131 - 197.
Die Prägung der Dorfbilder durch den ländlichen Historismus ist in Franken sehr unterschiedlich. Insbesondere in den Gunsträumen der Mainfränkischen Gäuplatten hat er ganze Dorfbilder erobert und prägt sie heute noch, während er sich im von der agrarökologischen Ausgangssituation nicht viel schlechter gestellten Grabfeld kaum in Szene setzen konnte. Eine differenzierte Betrachtung, wenigstens in einer Art Überschau, ob nicht bereits das alte fränkische Dorf schon zur Zeit der vorletzten Jahrhundertwende verschwunden ist, hat noch nicht stattgefunden.
Des Weiteren ist darauf hinzuweisen, dass die Parzellengröße des bebauten Hofes selbst auch in diesem vergleichsweise lockeren Dorf nur selten größer als die heute meist in der Region ausgewiesenen Baugebietsparzellen von 600 - 800 \(m^2\) sind, wobei die darauf befindliche Baumasse erheblich höher ist (Abb. 12). Allerdings tritt in allen Fällen noch die direkt an den Hof anschließende Parzelle des Gras- und Baumgartens hinzu, die durchaus die eigentliche Hoffläche um ein mehrfaches übertreffen kann, die jedoch in aller Regel nicht bebaut wurde. Auch in diesem Zusammenhang sind wieder andere Ausprägungen des fränkischen Dorfes zu nennen, vor allem das stark verdichtete unterfränkische Haufendorf, wo Hofparzellen von lediglich 250 \(m^2\) keine Seltenheit sind und wo auch kein direkter Gartenanschluss gegeben war. Die Gärten fanden sich in diesen Fällen in schrebergartenähnlichen Anlagen vor dem Dorf (Abb. 13). Selbst in den weitständigeren Dörfern des Fichtelgebirges und des Vogtlands waren die eigentlichen Hofparzellen kaum größer als in den dichteren Dörfern der agarischen Mittelzone.
Als zeitloser städtebaulicher Wert lässt sich hier festhalten: Es gab einen grundsätzlichen Zug hin zum verdichteten Bauen, schon um das in der Vergangenheit wertvollste Gut, die agrarische Nutzfläche zu schonen.
Wenden wir uns wieder dem Luftbild (Abb. 11) zu und betrachten das Dorf als Ganzes, was in diesem Fall der einheitlichen Struktur eines mittelbäuerlichen Dorfes einfach ist, jedoch durchaus nicht in allen Fällen gegeben war. Auffällig ist die kompakte, kaum zerfaserte Grundstruktur des Dorfes. Ein wesentliches Element ist der historische Ortsrand,10 der in vielen Fällen sehr regelhaft ausgeprägt ist. Zumeist sind die Scheunen mit ihrer Traufseite dem Ortsrand zugewandt und schirmen so das Dorf nach außen ab, was in den Mittelgebirgsregionen Frankens auch in kleinklimatischer Hinsicht sinnvoll ist. In vielen Fällen hat sich sogar ein geschlossener Scheunenrand ausgebildet. Hinter dem Scheunenrand folgt häufig der bereits erwähnte Gras- und Baumgarten, der in vielen Regionen einen geschlossenen Obstbaumring um das Dorf bildet. Abgeschlossen gegen die Flur wurde das Dorf mit einem Zaum, der oft von einem Ortsrandweg, dem sogenannten „Etterweg“ begleitet wurde.
10 Vgl. Anja Schober: Der historische Dorfrand und seine Elemente: Historisch-geographische Untersuchung als Grundlage für die Ortsplanung. Unveröff. Diplomarbeit Uni Bamberg 2000.
Als zeitlose städtebauliche Wertigkeiten sind somit festzuhalten: der kompakte Abschluss des Dorfes sowie die hervorragende Einbindung in die Landschaft.
Wenden wir uns den inneren Raumstrukturen des alten Dorfes in Franken zu, so müssen wir auch in diesem Zusammenhang auf ein weites Spektrum regional unterschiedlicher Ausprägungen von Straßen- und Platzräumen, Grün- und Freiflächen sowie die Einbindung von fließenden und stehenden Gewässern in das Dorf verweisen.11 Eine grundsätzliche Annäherung an dieses Spektrum soll wiederum über das „Idealdorf“ des Luftbildes erfolgen (Abb. 11).
11 Eine Einführung in dieses Spektrum bringt Thomas Gunzelmann: Das Dorf als Denkmalort. In: Vgl. Thomas Gunzelmann, Manfred Mosel & Gerhard Ongyerth: Denkmalpflege und Dorferneuerung. Der denkmalpflegerische Erhebungsbogen zur Dorferneuerung. Arbeitshefte des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege, Band 93. München 1999, hier S. 56 - 71.
Wie bereits festgestellt wurde, ist das Grundelement des alten Dorfes der Hof. Ob diese Höfe nun innerörtliche, städtebauliche Räume ausbilden, hängt von der jeweiligen Siedlungsstruktur ab. In den Fällen, in denen der Abstand zwischen den Gebäuden nicht wesentlich breiter ist als die Gebäude selbst, findet die Ausprägung eines „gefassten“ Raumes statt. Im Gegensatz zu städtischen Raumbildungen, die eine starre Grenze zwischen Innen (=privat) und Außen (=öffentlich) aufweisen, ist der Übergang im Dorf zwischen dem öffentlichen, dem halböffentlichen und dem privaten Raum zumeist fließend gewesen, was auf dem Luftbild sehr schön ablesbar ist. Allerdings gibt es gerade in den bereits zitierten unterfränkischen Weinbau- und Gaudörfern mit ihren Hoftoranlagen in dieser Hinsicht bereits städtisch anmutende Raumbildungen.
Der Straßenraum fungierte im alten Dorf zumeist als Ergänzungsraum für die im Zuge der landwirtschaftlichen Intensivierung immer enger und unzureichender werdenden Hofräume. Die Straßenräume waren multifunktional, wobei die heute entscheidende Funktion auch im ländlichen Raum, die des fließenden und des ruhenden Verkehrs, früher einen nur bescheidenen Anteil an der Nutzung des Straßenraumes hatte (Abb. 14). Weit wichtiger war die Funktion der Straße als Wirtschaftsraum, als Träger von Gemeinschaftseinrichtungen der Dorfgemeinschaft und nicht zuletzt als Kommunikationsraum.
Diese Straßen- aber auch Platzräume des alten Dorfes zeichnen sich durch Einheitlichkeit in den übergeordneten Strukturen bei einer Vielfalt im Detail aus. Auch ohne die Vorgaben eines Bebauungsplanes waren die Hauskubaturen in Geschossigkeit, Dachneigung und Farbgebung viel einheitlicher, als man es heute durch noch so detaillierte Vorschriften erreichen könnte. Trotz dieser Einheitlichkeit gab es immer auch begründete Ausnahmen, die sich trotzdem in das Grundprinzip einfügten. Pfarrhaus, Schulhaus und Wirtshaus waren oft traufständig, während die Wohnstallhäuser der Höfe giebelständig zur Straße stehen. Haben diese steile Sattel- oder seltener Halbwalmdächer, so besitzen die Sonderbauten häufig Walmdächer. Dabei wirkt das ganze keineswegs starr, denn die Bauten selbst sind ihren Details und Schmuckformen vielfältig. Zudem gab es im Normalfall keine Baulinien, sondern leicht versetzte oder gestaffelte Anordnungen der Häuser. Somit ergaben sich lebendige, vielfältige, manchmal sogar dynamische Straßenräume (Abb. 15).
Der heute noch gültige Wert der öffentlichen Räume des alten Dorfes besteht in ihrer hervorragenden städtebaulichen Ordnung, in ihrer Aufenthaltsqualität, ihrer Wiedererkennbarkeit und in ihrer Bedeutung für die lokale Identität und das Heimatgefühl.
Diese Werte des alten Dorfes wurden bewusst zunächst möglichst allgemeingültig definiert, ohne die emotionalen Kriterien der Schönheit oder gar der Nostalgie in den Vordergrund zu schieben. Dies alles sind Kategorien, die heute ebenso von einer aktuellen Siedlungsentwicklung gefordert werden.
In der neuesten Fassung der „Planungshilfen für die Bauleitplanung“ der Obersten Baubehörde im Bayerischen Innenministerium von 200112 tauchen diese Werte des alten Dorfes großteil als aktuelle Planungsgrundsätze wieder auf. So soll selbstverständlich eine nachhaltige Siedlungsentwicklung im Sinne der Agenda 21 angestrebt werden, die ressourcenschonend, flächensparend und umweltverträglich vorgehen soll. Das alte Dorf war dieses alles, natürlich nicht wegen der Agenda 21, sondern notgedrungen, weil die wirtschaftlichen Umstände und die zur Verfügung stehenden Baumaterialien nichts anderes zugelassen haben. Es war flächensparend und kostenbewusst, es hatte standardisierte Grundrisse und Baumethoden, alles Aspekte, die heute erneut gefordert werden.13 Des Weiteren sind eindeutige und ablesbare Ortsränder gefordert, ebenso besonders sorgfältig gestaltete Ortseingänge, die Bodenversiegelung soll vermieden werden, der öffentliche Raum soll ein „Gefüge von Freiflächen, Platz- und Straßenräumen“ sein14 – all dies absolute Selbstverständlichkeit im alten Dorf und leider fast immer zu vermissen bei neu geplanten Ortserweiterungen.
12 Oberste Baubehörde im Bayerischen Staatsministerium des Innern (Hrsg.): Hinweise für die Ausarbeitung und Aufstellung von Flächennutzungsplänen und Bebauungsplänen. München 2001.
13 Planungshilfen für die Bauleitplanung, (wie Anm. 12), S. 23.
14 Planungshilfen für die Bauleitplanung, (wie Anm. 12), S. 46, 47.
Trotzdem darf es dem Denkmalpfleger nicht verwehrt werden, gesondert nochmals auf den Wert des alten Dorf als Denkmalort hinzuweisen. Sowohl die Bauten des historischen Dorfes als auch seine Raumstrukturen sind materielle, überlieferte Relikte des Arbeitens und Wohnens vergangener Generationen im ländlichen Raum und damit bewahrenswerte Zeugnisse der Geschichte, die nicht austauschbar, ausgleichbar oder gleichwertig durch einen Neubau zu ersetzen sind. Schon alleine diese Qualität ist Ansporn und Anspruch genug, um ihre möglichst weitgehende Erhaltung anzustreben.
Die heutige Situation
Betrachten wir nun den Wandel der letzten Jahrzehnte im Hinblick darauf, was sich alles geändert hat und was vielleicht noch übrig geblieben ist vom alten Dorf in Franken. Differenziert lassen sich die vielfältigen Prozesse in dem hier zur Verfügung stehenden Rahmen nicht darstellen, daher sollen nur einige besonders augenscheinliche Aspekte in den Vordergrund gestellt werden. Aber auch in diesem Zusammenhang gilt es zu betonen, dass es auch heute den ländlichen Raum in Franken nicht gibt, es gibt derer mindestens drei. Da wäre der ländliche Raum im Umfeld der Verdichtungsräume und städtischen Zentren, in dem die Dörfer schon weitgehend suburbanen Charakter angenommen haben. Das Gegenstück sind die peripheren ländlichen Räume, die sich mit Abwanderung und Überalterung herumzuschlagen haben, in denen die Landwirtschaft mangels Alternativen durchaus noch eine zahlenmäßig bedeutsame Rolle spielt. Schließlich gibt es einen ländlichen Raum zwischen diesen beiden Extremen, der einen durchaus eigenständigen und wirtschaftlich tragfähigen Rang besitzt, in dem die Bedeutung der Landwirtschaft immer noch abnimmt, aber Gewerbe, Handwerk, und auch schon Dienstleistung eine immer wichtigere Rolle spielen. In allen drei Typen sind die Ausgangspositionen unterschiedlich und die Möglichkeit zur Bewahrung und positiven Weiterentwicklung des alten Dorfes unterschiedlich.
Gehen wir zunächst auf die alten Dorfkerne und ihren Wandel ein. Das alte Dorf steht heute da, wo Josef Maria Ritz die Stadt in den 20er Jahren schon gesehen hat: Es ist ein wertvolles Gefäß für einen neuen und vielleicht auch fremden Inhalt, manchmal ist es auch ein Gefäß ohne Inhalt und leider gibt es in etlichen Fällen nicht einmal mehr das „kostbare Gefäß“. Insofern hat das Dorf zeitversetzt Prozesse des Nutzungs- und Gestaltwandels mitgemacht, die die Stadt schon früher begonnen und auch schon lange vollzogen hat. Der entscheidende wirtschaftliche und soziale Wandlungsprozess, der sich auch baulich und räumlich ausgewirkt hat, ist der Wandel der Agrarstruktur, der im Vortrag von Prof. Hümmer bereits beschrieben wurde. Nüchtern ausgedrückt führte er zu einer radikalen Verminderung der Zahl der Betriebe bei gleichzeitigem Anwachsen der landwirtschaftlichen Nutzfläche pro Betrieb. Da dieser Wandel jedoch kein kurzfristiger Prozess mit einem Anfangs- und einem Endpunkt ist, sondern er im Prinzip schon seit der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts – zunächst noch fast unmerklich – begonnen hat, finden wir im heutigen Dorf auch die baulichen Ausdrucksformen all seiner Phasen, darunter auch jene der 50er, 60er, 70er und 80er Jahre, die man zumeist kaum in die Werte des alten Dorfes einreihen kann, die heute aber schon wiederum durch die nackte Realität des Agrarmarktes des Wachsens oder Weichens auf dem Weg zur Globalisierung völlig überholt sind.
Das Dorf selbst hat sich in den letzten 50 Jahren in zweierlei Hinsicht verändert: Es hat sich in seinem historischen Kern mehr oder weniger stark umstrukturiert und es ist nach außen gewachsen, häufig um ein Mehrfaches seiner historischen Siedlungsfläche. Die Denkmalpflege muss natürlich in erster Linie darauf bedacht sein, was mit dem alten Dorf geschehen ist, aber auch in diesem Zusammenhang können die wuchernden Ausweitungen nicht außer Acht gelassen werden.
Es wurde bereits bemerkt, dass es etwa seit der Zeit um 1870 kein regional begründetes ländliches Bauen mehr gibt. Das gilt nicht nur für die Wohngebäude, sondern selbstverständlich auch für die landwirtschaftlichen Betriebsgebäude, die fast noch schneller als die Wohngebäude zeitgebundenen Moden folgen und zeitbedingte Baumaterialien aufweisen, die aber auch immer rascher den jeweils aktuellen Anforderungen der EU-Agrarpolitik nicht nur folgen, sondern geradezu hinterherhecheln.
Die baulichen Konsequenzen seien nur kurz nachgezeichnet. Erfuhr das Dorf zunächst noch eine starke innere Verdichtung durch die immer stärkere Überbauung der Hofparzellen und Vergrößerung der landwirtschaftlichen Nebengebäude, so wurde im Zuge der Bemühungen um die Verbesserung der Agrarstruktur in den 50er und 60er Jahren gerade dieses zum Problem, dem man mit der Aussiedlung von Hofanlagen begegnete. Spätestens seit dieser Zeit ist das Dorf aber auch Objekt staatlicher und damit auch planerischer Einflussnahme, die unter immer rascher wechselnder Leitbildern versuchte, die tatsächlichen oder vermeintlichen Schwächen des Dorfes zu beheben. Ironischerweise gibt es heute schon wieder ein neues Problem mit den ausgesiedelten Hofanlagen der 60er Jahren, denn bisweilen werden sie von den Neubaugebieten schon wieder eingeholt (Abb. 16), wo sich nun fast zwangsläufig Probleme mit den oft landwirtschaftsfernen Neuankömmlingen in immissionsmäßiger Hinsicht ergeben.
Ende der 60er Jahre wurde die Aussiedlungspolitik, deren Nachteile man inzwischen registriert hatte, verstärkt abgelöst durch die Anlage von Scheunen, privaten oder gemeinschaftlichen Maschinenhallen am Ortsrand, manchmal, wenn es möglich war, in Verbindung mit der alten Hofstelle, häufig aber auch ohne direkte Verbindung. Seit den 80er und verstärkt seit den 90er Jahren werden auch die Ställe an den Ortsrand, aber auch in die Flur verlagert (Abb. 17), die nun – aufgrund der wirtschaftlichen Anforderungen an einen Vollerwerbsbetrieb – immense Ausmaße erreicht haben.
Diese Entwicklung hatte unabdingbar fatale Folgen für ein wesentliches Qualitätsmerkmal des alten fränkischen Dorfes: für den Ortsrand mit seiner hervorragenden Einbindung in die Landschaft. Dort wo dieser nicht schon ohnehin ohne Zäsur in die Neubaugebiete übergeht, haben sich, fast jahrringartig, die Erweiterungsbauten der landwirtschaftlichen Betriebe hineingeschoben, zuerst noch durch Ersatzbauten größerer Kubatur im historischen Scheunenrand, dann häufig durch den Anbau von Stallbauten, und dann schließlich, verstärkt durch die Einrichtung eines rückwärtigen Erschließungsweges im Rahmen der Dorferneuerung oder Flurbereinigung auch außerhalb des historischen Ortszusammenhanges (Abb. 18 und Abb. 19).
Aus heutiger Perspektive lässt sich festhalten, ohne die jeweiligen wirtschaftlichen Zeitumstände der Erbauungszeit abqualifizieren zu wollen, dass diese baulichen Bemühungen, den Strukturwandel allenfalls bremsen, beileibe nicht aufhalten konnten. Da in der selben Zeit die Zahl der Betriebe insgesamt abnahm, und ursprüngliche Vollerwerbsbetriebe sich zu Nebenerwerbsbetrieben wandelten, sind alle nun alle Phasen dieses baulichen Wandels heute im Dorfbild vorhanden, teilweise schon wieder ungenutzt und damit baulich zunächst konserviert, eine Erscheinung, von welcher der Denkmalpfleger schließlich auch lebt – ob es aber mit diesen Bauten jemals möglich sein wird, erscheint doch fraglich.
Schreibt man diese Entwicklung fort, so wird die überlebende Landwirtschaft in immer kürzeren Abständen immer modernere und größere Betriebsgebäude brauchen und dabei die alten und älteren aufgeben, gleichzeitig hinterlässt der agrarische Strukturwandel jedoch eine immer größere Menge unternutzter oder ungenutzter Bausubstanz.15 Das Problem für die Ortsbilder in wenigen Jahren werden also weniger die historischen Gebäude sein, sondern die in immer kürzeren Umtriebszeiten errichteten landwirtschaftlichen Bauten der vergangenen Jahrzehnte, deren Umnutzungspotential aufgrund ihrer baulichen Spezialisierung gering und deren bauliche und auch städtebauliche Werte aufgrund des Drucks zu wirtschaftlichem Bauen mit modernen, auch ökologisch fragwürdigen Baumaterialien sehr gering sind.
15 Grundsätzlich zum Thema: Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau (Hrsg.): Scheunen ungenutzt – umgenutzt. Denkmalpflege im Thurgau 2. Frauenfeld - Stuttgart - Wien 2001.
16 vgl. Georg Mörsch: Eine Chance für die Scheunen! In: Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau (Hrsg.): Scheunen ungenutzt – umgenutzt. Denkmalpflege im Thurgau 2. Frauenfeld - Stuttgart - Wien 2001, S. 42 - 46, hier S. 43.
Doch nun zu den eigentlichen dorfbildprägenden, den Denkmalpfleger interessierenden landwirtschaftlichen Bauten. Die Denkmalliste weist in den Regierungsbezirken Ober- und Unterfranken insgesamt etwa 34000 Baudenkmäler auf. Die landwirtschaftlichen Nebengebäude sind allerdings sehr bescheiden vertreten. So sind in Ober- und Unterfranken lediglich 384 Bauernhöfe als Ganzes in die Denkmalliste eingetragen, 331 Scheunen sowie 200 Stadel (der alte oberfränkische Begriff für Scheune) werden explizit als Baudenkmäler bezeichnet. Ein Vielfaches davon prägt jedoch unsere Dörfer. Selbst wenn man durchaus berechtigterweise der Auffassung sein kann, dass noch etliche dieser Gebäude bisher nicht wahrgenommene Baudenkmäler sind, so wird trotzdem die weitaus größere Mehrheit nicht den Rang eines Denkmals beanspruchen dürfen. Ihr eigentliches Kennzeichen ist aber nicht ihre im Einzelfall sicherlich vorhandene geschichtliche Bedeutung als wertvoller Bau, sondern ihr „herdenartiges Auftreten“.16 Sie bilden zusammen mit den ehemaligen Wohnhäusern als ehemalige Höfe die Grundstrukturen der alten Dorfkerne aus. Ohne diese Gebäude ist das bauliche Tradieren des alten Dorfes, von mir aus ausnahmsweise auch des „fränkischen“ Dorfes, auf jeden Fall auch des Dorfes der Tourismuswerbung in die Zukunft nicht möglich. Weniger schlagwortartig formuliert ist die Weiterführung der zeitlosen Werte des alten Dorfes, wie sie oben herausgearbeitet wurden, nicht ohne diese ehemaligen Scheunen, Remisen, Holzlegen und Schweineställe denkbar.
Gerade diese Bauten sind aber oftmals diejenigen, die aufgrund der Aufgabe des landwirtschaftlichen Betriebes nutzlos herumstehen, die dem Eigentümer Unterhaltskosten abverlangen, und den Kommunen und Behörden Sorge bereiten. In den peripheren Räumen sind es sogar nicht einmal nur die Nebengebäude, sondern auch die Wohnhäuser, die in immer stärkeren Maße ohne Nutzung sind.
Ein paar Beispiel mögen dies verdeutlichen. In Sondheim im Grabfeld stehen alleine in einer Straße vier Höfe mit allen Gebäuden leer, eine Entwicklung, die in diesen ungeheuer dichten Bauerndörfern mit vielen mittleren und kleinen Höfen schon sehr früh eingesetzt hat, verstärkt noch durch die Lage an der innerdeutschen Grenze (@ig-sondheim1 und @ig-sondheim2). Die ungeheuer verdichteten Hofanlagen der Grabfelddörfer, oft mit zwei bis drei Wohnhäuser auf einer Hofparzelle, lassen ein an heutigen Ansprüchen gemessenes Leben und Arbeiten scheinbar nicht mehr zu. In Hendungen im Grabfeld ist die Entwicklung zum Teil schon soweit vorangeschritten, dass unfreiwillige Flächensanierungen ohne planmäßiges Konzept stattfinden müssen.
Aber auch in weniger peripher gelegenen Gebieten, sogar in den eigentlich beliebten Tourismusorten des fränkischen Weinlandes macht der Leerstand nicht vor den historischen Ortskernen halt. Im Ortskern von Mechenried (Gem. Riedbach, Lkr. Haßberge) stehen 6 Höfe und etliche weitere landwirtschaftliche Nebengebäude leer (Abb. 22), im ummauerten historischen Ortskern von Sommerach sind es sogar 15 Anwesen (Abb. 23).17
17 Daten nach Vorbereitende Untersuchungen Ortssanierung Mechenried und Altortsanierung Sommerach, Architekturbüro Dag Schröder, Schweinfurt 2001.
18 Zahlen nach Vorbereitende Untersuchungen zur Ortskernsanierung Zapfendorf, Büro für Städtebau und Bauleitplanung, Wittmann, Valier und Partner, Bamberg 2001.
Das sich Leerstände nicht nur auf Dörfer im peripheren Raum beschränken, mag das Beispiel von Zapfendorf zeigen. In diesem verkehrsmäßig günstig an der Achse zwischen Bamberg und Lichtenfels gelegenen Dorf, das zwischen 1980 und 2001 von 1944 auf 2957 Einwohner anwuchs (52% Zuwachs), nahm gleichzeitig die Zahl der im alten Ortskern lebenden Menschen um 20% von 892 auf 714 Einwohner ab. Während 1980 in diesem alten Ortskern lediglich 1,6% der Wohnungen leerstanden, sind es 2001 bereits 6,8%.18
Dies verweist uns schon auf einen weiteren Aspekt der Probleme der Erhaltung des alten Dorfes. Es scheint wohl so, dass nicht nur der Strukturwandel der Landwirtschaft zur Aufgabe altörtlicher Wohn- und Arbeitsstandorte geführt hat. In den Dörfern, in denen die Aufgabe des landwirtschaftlichen Betriebes nun schon eine Generation zurückliegt, wurde die Hofstelle zumindest als Wohnstandort noch genutzt. Vor allem entfaltete die großzügige gemeindliche Angebotspolitik an Wohnbauland im Baugebiet außerhalb des Ortskerns verstärkt ihre negative Wirkung. Natürlich wird man als Kommunalpolitiker leicht sagen können, dass das Leitbild des Wohnens auf dem Land nunmehr eindeutig das freistehende Einfamilienhaus ist, und das diese Tatsache nicht mehr umkehrbar sei. Außerdem ist es zugegebenermaßen heute bei weitem nicht mehr selbstverständlich, dass mehrere Generationen einer Familie auch unter einem Dach wohnen wollen, was den Zwang der jungen Generation zum Neubau im Baugebiet verstärkt. Zudem sind die alten Dorflagen gerade der unterfränkischen Dörfer so verdichtet, das sich hier der berechtigte Wunsch nach einem Garten nicht befriedigen lässt. Dies gilt allerdings nicht für die allermeisten Dorflagen in Mittel- und Oberfranken, wo dennoch der Zug in die Neubaugebiete anhält.
Ohne die städtebauliche Grundmisere unserer Neubaugebiete näher erläutern zu wollen, bleibt festzuhalten, dass sie in ihrer Gestaltung trotz gegenteiliger Ziele und Vorgaben in den Erläuterungsberichten der Bebauungspläne fast nie einen guten Anschluss an das alte Dorf geschafft haben. Nur in wenigen Fällen konnten sie einen harmonischen Übergang in die freie Landschaft schaffen. Und – was eigentlich am schlimmsten ist – es gelang nur höchst selten, qualitätvolle städtebauliche Räume im Innern der Baugebiete zu gestalten.
Längst aber sind die verfügbaren Flächen für Wohnbaugebiete in den Verdichtungsräume und darüber hinaus an die Kapazitätsgrenze gelangt. Zudem sind sie in ihrer heutigen Gestaltung und Ausprägung den Ideen einer nachhaltigen Siedlungsentwicklung im Sinne der Agenda 21 diametral entgegengesetzt. In den peripheren Regionen, wo diese Baugebiete bisweilen ebenso hemmungslos ausgewiesen wurden, führen sie nunmehr bereits zur ernsthaften Bedrohung der historischen Siedlungskerne, da es grundsätzlich so ist, dass die ältere, zu baulichen Investionen weniger geneigte Generation im alten Ortskern verbleibt. Bald wird die in den Neubaugebieten wohnende „Erbengeneration“ oder deren vielleicht gar nicht mehr im Dorf wohnende Kinder über ein bis zwei leerstehende Höfe oder Wohngebäude im alten Dorfkern verfügen.
Der Zusammenhang zwischen der Entleerung des historischen Ortkerns bei gleichzeitig immer stärkerer baulicher Auflockerung und der Ausweisung ausgreifender Neubaugebiete lässt sich häufig belegen. In vielen Gemeinden wird dies vor allem dann problematisch, wenn auch die Neubaugebiete wegen privater Bauflächenbevorratung bei fehlender gemeindlicher Bodenpolitik und gleichzeitig nur mäßig dynamischer Entwicklung lückenhaft bleiben.
Die Erhaltung des alten Dorfes – Möglichkeiten und Grenzen
Instrumente zur Erhaltung des alten Dorfes, mit denen auch finanzielle Förderwege verbunden sind, sind seit langen Jahren vorhanden und werden von den Kommunen auch gerne angenommen. Neben der Denkmalpflege im engeren Sinn, sind dies die Dorferneuerung und die Städtebauförderung. Vor allem die Dorferneuerung hat sich stetig von einem Instrument der Agrarstrukturförderung zu einer umfassenden Dorfentwicklungsplanung gewandelt, für die mittlerweile die erhaltende, flächen- und ressourcensparende Dorferneuerung bei gleichzeitiger Einbeziehung der Bürger unter dem Ziel der Wahrung der lokalen Identität eine Selbstverständlichkeit ist. Beide Planungsinstrumente können sowohl im öffentlichen Bereich als auch bei Privatmaßnahmen planerische und finanzielle Hilfestellung gewähren.
Mit diesen Instrumenten, aber auch durch den Einsatz der Denkmalpflege sind in den zurückliegenden Jahren viele Erfolge erzielt worden, die jedoch nicht nicht in vollem Umfang in das Bewusstsein der Kommunalpolitiker und noch weniger in das der Bürger im ländlichen Raum gelangt sind.
Sanierungen historisch wertvoller Wohngebäude werden immerhin relativ gut zur Kenntnis genommen und bei dem seit 1994 jährlich stattfindenden „Tag des Offenen Denkmals“ auch von einer stetig wachsenden Menge interessierter Bürger besichtigt. Weniger bekannt sind dagegen die mittlerweile schon in erheblicher Zahl vorgenommenen Weiternutzungen und Umnutzungen historischer landwirtschaftlicher Nebengebäude, was zentral wichtig für die Erhaltung der historischen Dorfstruktur ist, wie oben aufgezeigt wurde. Auf einen kurzen Nenner gebracht: ohne Nebengebäude keinen Hof, ohne Höfe kein fränkisches Dorf.
Die Bandbreite der Möglichkeiten soll hier an einigen Beispielen vorgestellt werden:
Gegenüber den historischen Wohngebäuden, die sich ohne Aufgabe ihrer überkommenen Qualitäten eben zumeist nur wiederum als Wohngebäude nutzen lassen, haben Scheunen und andere landwirtschaftliche Gebäude ein durchaus höheres Umnutzungspotential.19 So ist die Raumhöhe bei der Scheune im Gegensatz zu manchen historischen Wohnbauten kein Problem. Da keine Innenwände vorhanden sind, lassen sich fast beliebige neue innere Grundrisse realisieren. Der Einbau von Wärmedämmung wie auch Haustechnik ist meist problemlos machbar. Häufig lässt sich mit der Umnutzung einer Scheune zu Wohnzwecken nicht nur das Ziel des „Schöner Wohnens“, sondern auch das des „Großzügiger Wohnens“ erreichen.20 Das grundsätzliche Problem bei der Umnutzung von Scheunen ist die Wahrung ihres Charakters nach außen. Dieser Charakter besteht der in großen Geschlossenheit von Hülle und Dach, was bei einer konventionell angedachten Neunutzung als Wohnraum sicherlich Probleme bereiten kann.
19 Vgl. Karl-Heinz Betz: Aspekte des Denkmalschutzes bei der Umnutzung landwirtschaftlicher Gebäude. In: Arbeitsgemeinschaft landwirtschaftliches Bauwesen in Bayern (Hrsg.): Umnutzung aufgelassener landwirtschaftlicher Gebäude. Tagungsband zur Fachtagung der ALB Bayern in Zusammenarbeit mit VLF Unterfranken am 9.11.2000 in Iphofen, S. 11 - 16, hier S. 15.
20 Beatrice Sendner-Rieger, Urs Fankhauser & Doris Stadelmann: Rahmenbedingungen und geeignete Nutzungen. In: Amt für Denkmalpflege des Kantons Thurgau (Hrsg.): Scheunen ungenutzt – umgenutzt. Denkmalpflege im Thurgau 2. Frauenfeld - Stuttgart - Wien 2001, S. 49 - 65, hier S. 59.
Aber es ist beileibe nicht so, dass eine sinnvolle Nutzung historischer landwirtschaftlicher Gebäude immer nur die Wohnnutzung sein muss. Zudem gibt zahlreiche Stufen von unterschiedlich intensiven Nutzungen, die einem fortgesetzten Bauunterhalt einen ideellen oder auch wirtschaftlichen Sinn geben können. In diesem Zusammenhang zeigt es sich, dass dem Wandel des Dorfes von einer wirtschaftlich und sozialen Monostruktur zur heutigen Differenziertheit der Nutzungsansprüche auch positive Seiten abzugewinnen sind.
Am Beginn dieser abgestuften Nutzungsansprüche stehen sicherlich diejenigen, die der historischen Nutzung einer Scheune als Lager- und Bergeraum und als Arbeitsfläche am nächsten kommen. In unserer heutigen Gesellschaft, die nicht nur zeit- sondern auch raumgreifende Ansprüche an ihre Freizeitgestaltung hat, ist die Weiternutzung eines landwirtschaftlichen Gehöftes oder auch nur das Anmieten einer Scheune eine oftmals attraktive Möglichkeit. Wer sich arglos alte Fachwerkscheunen in stadtnahen Dörfern anschaut, ahnt oft nicht, wie oft sich hinter der unscheinbaren Hülle ein Wohnmobil, ein Wohnwagen, ein Segel- oder Motorboot oder ein sonstiges platzbeanspruchendes Vehikel unserer Freizeitbedürfnisse verbirgt (Abb. 24). Interessant ist auch, das zahlreiche nebenerwerbliche geführte Handels- oder Handwerksbetriebe ihre Betriebsräume in ehemals landwirtschaftlich genutzten Gebäude haben. Scheunen sind gerade aufgrund ihrer freien inneren Strukturen recht gute Hüllen für kleine bis mittlere Lagernutzungen aller Art (Abb. 25).
Freizeitbedingt sind auch Nachfolgenutzungen, die der früheren landwirtschaftlichen Nutzung sehr nahekommen. Die hobbymäßige Pferdehaltung hat in den letzten Jahrzehnten einen enormen Aufschwung genommen und für manche Pferdenärrin ist der Erwerb eines Hofes oder das Einmieten in einem alten Stall eine Alternative, die dem Einstellen auf einem professionellen Pferdehof, (die übrigens ebenfalls wie moderne Rinderställe nahezu nicht in das alte Ortsbild integrierbare Bauten aufweisen) vorzuziehen ist (Abb. 26 und Abb. 27).
Landwirtschaftsnahe Nutzungen sind auch die Einrichtung einer Hofbäckerei oder eines Bauernladens, der Einbau von Probierstuben oder Heckenwirtschaften, der Einbau von Ferienwohnungen im Rahmen des „Urlaubs auf dem Bauernhof“ oder der Einbau eines „Heuhotels“.21 Im Rahmen der wirtschaftlichen Diversifizierung eines landwirtschaftlichen Betriebes ist der Fantasie eigentlich keine Grenze gesetzt.
21 Förderfähige Umnutzungen nach Georg Bätz: Umnutzung ländlicher Bausubstanz. Projektbeispiele im Rahmen der EU-Strukturförderung (5b) und zukünftige Finanzierungsmöglichkeiten. In: Arbeitsgemeinschaft landwirtschaftliches Bauwesen in Bayern (Hrsg.): Umnutzung aufgelassener landwirtschaftlicher Gebäude. Tagungsband zur Fachtagung der ALB Bayern in Zusammenarbeit mit VLF Unterfranken am 9.11.2000 in Iphofen, S. 22 - 24, hier S. 23.
In manchen Fällen werden landwirtschaftliche Nebengebäude und Hofanlagen einer öffentlichen Nutzung zuzuführen sein. Hier ist beispielsweise an Jugendräume, Versammlungsräume oder Bürgerzentren zu denken. Auch hierfür gibt es bereits zahlreiche Beispiele, so finden sich Teile des Rathauses und der Sitzungssaal der Marktgemeinde Eggolsheim in einer ehemaligen Scheune, ebenso wie die dortige Gemeindebücherei (Abb. 28 und Abb. 29). Pfarrzentren kleinerer Pfarreien lassen sich zumeist ohne große bauliche Verrenkungen in der oft vorhandenen ehemalige Pfarrscheune unterbringen.
Am schwierigsten, zumindest aus denkmalpflegerischer Sicht, ist die Umnutzung einer Scheune zu Wohnzwecken. Gleichzeitig ist dies der Fall, der am häufigsten nachgefragt wird. Die Schwierigkeiten liegen jedoch mehr im Bereich der Wahrung des äußeren Erscheinungsbildes, im Inneren sind meist zahlreiche Alternativen denkbar bis hin zum Modell „Haus im Haus“.
Das Problem liegt in der Belichtung der Bauten, da Scheunen immer eine weitgehend geschlossene Hülle hatten, während Wohnnutzung Licht braucht, wenngleich durchaus in sehr differenzierten Maße. Die Problematik kann an folgendem Bildpaar verdeutlicht werden. Hier entstanden in einer Scheune des 19. Jahrhunderts in Ergänzung zum historischen Wohnhaus ein Wohnzimmer und eine Bibliothek mit Raumhöhen, die heute im Neubau kaum mehr finanzierbar wären. Die Zahl der Wandöffnungen ist im Gegensatz zum Vorzustand zwar erheblich angestiegen, sie ist jedoch nicht großflächig, sondern beschränkt sich auf schmale Einschnitte, um die Dominanz der Wandfläche nicht zu brechen. Zudem wurden die Öffnungen auf der Innenseite des Hofes angebracht (Abb. 30 und Abb. 31).
Problematisch wird die Wahrung des Scheunencharakters auch dann, wenn, wie heute so häufig gewünscht, Belichtungen im Dachgeschoß vorgesehen werden müssen. Hier sind mit den üblichen Gauben oftmals nur weniger befriedigende Lösungen zu erreichen. Im Sinne der historischen Dorfstruktur wird der Denkmalpfleger auch an solchen Lösungen mitarbeiten.
Neben Scheunen und großen Ställen gibt es im Dorf aber noch eine weitere Kategorie von Bauten, die nicht den Vorteil der großen Kubatur und der leichten Umnutzbarkeit haben, aber dennoch einen wichtigen Beitrag zum historischen Ortsbild leisten. Dies sind beispielsweise Backhäuschen, Holzlegen, Kleintierställe, Obstdörren, Schuppen und viele andere mehr. Auch unter diesen finden sich nicht nur belanglose Zweckbauten, sondern zahlreiche historisch wertvolle, die auf die besondere Art und Weise des Lebens und Arbeitens unserer Vorfahren im ländlichen Raum verweisen. Die historischen Obstdörren in der Obstbaulandschaft der fränkischen Schweiz konnten in den vergangenen Jahren in einigen wenigen Fällen wiederbelebt werden (Abb. 32 und Abb. 33), andere Beispiele konnten als Gartenhäuschen oder Lagerschuppen weitergenutzt werden. Ähnliches gilt für die im fränkischen Dorf so charakteristischen Backhäuschen, für die sich in etlichen Fällen Liebhaber finden lassen konnten.
Grundsätzlich hat sich schon gezeigt, und wird sich in vielen Fällen noch zeigen, dass das „wertvolle alte Gehäuse“ des Dorfes genauso wie das der europäischen Stadt flexibel genug ist, um sich auch wandelnden Nutzungsansprüchen in hervorragender Weise anzupassen. Ein letztes, gerade in Angriff genommenes Beispiel soll dies abschließend illustrieren. Ein nahezu 20 Jahre leerstehender Bauernhof wird hier von zwei jungen Familien zugleich instandgesetzt, was den immens hohen Kaufpreis erträglich werden lässt, wobei das ehemalige Wohnstallhaus sowie die gegenüberliegende Remise zu Wohnzwecken genutzt werden, während die Scheune zum Pferdestall umgebaut wird, der erwerbsmäßig für sog. „therapeutischen Reiten“ genutzt werden soll. Das ganze Projekt erfolgt mit vergleichsweise geringen Finanzaufwand, aber hoher Eigenleistung, beides Voraussetzungen, die bei der Landbevölkerung auch bei ihren zahllosen Neubauprojekten in hohem Maß gegeben sind.
Zahlreiche dieser Projekte zur Weiternutzung ehemals landwirtschaftlicher Bausubstanz wurden von Dorferneuerung und Denkmalpflege ideell und finanziell gefördert, häufig auch von Bürgerinitiativen vor Ort nachhaltig unterstützt. Die letzten Jahre haben in diesem Sinn durchaus Mut machen können. Trotzdem sind die Probleme längst nicht gelöst.
Die Gründe hierfür sind vielfältig und können hier nur thesenhaft angerissen werden:
Nach wie vor herrscht in weiten Teilen des ländlichen Raumes eine erhebliche „Schwellenangst“ vor den alten Bauten, deren unzureichenden hygienischen Bedingungen und schlechten Wohnkomfort mit geringen Raumhöhen und mangelnder Belichtung man endlich mit den Neubauten seit den 60er Jahren zu entkommen glaubte.22 Auch wenn die Beispiele instandgesetzter Altbauten mit oft besserer Wohnatmosphäre als Neubauten mittlerweile fast in jedem Dorf deutlich vor Augen stehen, wagen sich gerade Teile der alteingesessenen Bevölkerung selten an diese Projekte.
Häufig wurde der Neubau der 60 - 80er Jahre auf dieselbe Hofparzelle neben dem Altbau gesetzt, um den man sich nicht mehr kümmerte und der durch Unternutzung zum dörflichen „Schandfleck“ verkam. Nach einiger Zeit wird der Druck der Dorfgemeinschaft so groß, dass die Besitzer sich zum Abriss gedrängt fühlen. Einen Ausweg gibt es in dieser häufig vorkommenden Situation selten, da ein Verkauf an durchaus vorhandene Interessenten wegen des engen Zusammenhangs im Hofraum kaum möglich ist.
Dies gilt ebenso für die Veräußerung von leerstehenden Teilen des Hofes, insbesondere der Scheunen an auswärtige Interessenten.
Auch wenn eine Veräußerung möglich erscheint, nachdem die Oma, die 30 Jahre lang alleine in dem alten Bauernhaus gelebt hatte, nun von uns gegangen ist, so gibt es durchaus jahrelange Bedenkzeiten, da man sich nicht ohne weiteres von seinem uraltem Stammsitz in besitzmäßiger Hinsicht trennt.
Und schließlich gibt es auch Fälle, wo mit alten Hofanlagen spekuliert wird, vor allem dahingehend, dass man irgendwann aus der Hofparzelle und dem Gras- und Baumgarten im Zuge einer Ortsabrundungssatzung oder eines Bebauungsplanes Neubauland machen kann.
22 Vgl. Betz (wie Anm. 19), S. 13.
Aus diesen Überlegungen geht hervor, dass die Erhaltung der alten fränkischen Dörfer nur zum Teil eine finanzielle oder denkmalpflegerische Frage ist. In erheblichen Maße spielt das Bewusstsein der jetzt noch im alten Ortskern lebenden Bevölkerung eine Frage.
An diesem gewichtigen Problem kann beispielsweise im Rahmen der Arbeitskreise einer modernen Dorferneuerung gearbeitet werden. Hier könnte gezeigt werden, dass es nicht immer die Städter und zugezogenen Neubürger sein müssen, die aus einem alten Hof ein Schmuckstück machen, wie es derzeit noch überwiegend der Fall ist. Auch die Schulen der Dorferneuerung, wie die fränkische „Schule für Dorf- und Flurentwicklung“ in Klosterlangheim müssen verstärkt an diesem Prozess der Bewusstseinsbildung arbeiten.
Um auf die immer noch vorhandenen Qualitäten der fränkischen Dörfer hinzuweisen, haben wir zur Begleitung des Bayerischen Dorferneuerungsprogramms ein Instrument entwickelt, den sogenannten Denkmalpflegerischen Erhebungsbogen zur Dorferneuerung. Seit 1988 haben wir insgesamt 455 Dörfer in Franken (Stand 30.6.2001) nach einer standardisierten Vorgehensweise bearbeitet. Dieser Erhebungsbogen zeigt in Text, Bild und Karte nicht nur die eingetragenen Baudenkmäler, sondern auch die sonstigen für das historische Ortsbild wichtigen Gebäude. Er bleibt aber nicht bei den Gebäuden stehen, sondern kümmert sich auch im Sinne des oben gesagten um die räumlichen Strukturen, also um die Straßen- und Platzräume, sowie um die Grün- und Freiflächen, immer unter der Maßgabe, dass sich an diesen Strukturen das alte Fränkische Dorf noch ablesen lässt. Die bisher bearbeiteten Dörfer haben eine ungeheuere Vielfalt an Dorfstrukturen und erhaltenswerten Bauten aufgedeckt, was einen zum vorläufigen Schluss kommen lässt, dass wir im Sinne des Themas der Tagung und des Vortrags noch keinen Grund zur Verzweiflung haben müssen.
Das Problem bei diesem großangelegten Projekt, an welchen mittlerweile auch eine ganze Reihe freier Mitarbeiter beteiligt sind, war zunächst und ist es auch heute noch, wie man die Ergebnisse auch an die Adressaten vermitteln kann. Im Rahmen von Dorferneuerungen funktioniert dies einigermaßen gut, indem in den Arbeitskreisen der denkmalpflegerische Erhebungsbogen vorgestellt und darüber diskutiert wird. Trotzdem ist im Bereich der Vermittlung der Inhalt dieser Dorferfassungen noch vieles zu Verbessern, eine Internetpräsentation aller erstellten Erhebungsbögen wäre wünschenswert, scheitert derzeit jedoch noch an den bescheidenen finanziellen und personellen Ressourcen.
Sehr positive Erfahrungen haben wir mit Projekten gemacht, wo wir unter dem Motto „Ein Dorf als Denkmal“ am Tag des Offenen Denkmals die Ergebnisse des denkmalpflegerischen Erhebungsbogen in Form einer Ausstellung mit Eventcharakter direkt am Ort durchgeführt haben.23
23 Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege (Hrsg.): Oberleiterbach – Ein Dorf als Denkmal. Ein Führer durch ein oberfränkisches Dorf zum „Tag des offenen Denkmals 1998“. Bamberg 1998.
Der Schwerpunkt der Betrachtung lag auf den Bauten des alten Dorfes, insbesondere auf den für die Dorfstruktur immens wichtigen Nebengebäuden. Zwei weitere Aspekte hätten es ebenso verdient ausführlich behandelt zu werden, dies ist einerseits der Umgang mit dem öffentlichen Raum des alten Dorfes, einer Frage die sich bei jeder Dorferneuerung stellt. Dieses Thema wäre ebenso interessant zu diskutieren. Für die Denkmalpflege gibt es hier keine einfachen Lösungen, denn die Fachwerkscheune des 18. Jahrhunderts ist wohl unter Wahrung ihrer Grundeigenschaften weiter zu nutzen, die unbefestigte schlammige Dorfstraße aus dem 18. Jahrhundert ist heute aus guten Gründen niemanden mehr vermittelbar. Hier haben sich Verfahrensweisen im Umgang im Rahmen der Städtebauförderung und der Dorferneuerung herausgebildet, die für den Denkmalpfleger fast immer überzogen, im großen und ganzen jedoch akzeptabel sind, die aber immerhin für eine Attraktivitätssteigerung des alten Dorfkerns sorgen und somit wieder den Bauten zugute kommen.
Der zweite Punkte sind die Erweiterungen des Dorf. Ein Weiterbauen des alten Dorfes und seiner Qualitäten in den Neubaugebieten – falls es denn jemals ernsthaft beabsichtigt war – ist völlig gescheitert. Es verlangt niemand, erst recht kein Denkmalpfleger, disneylandartige Fachwerkdörfer zu errichten – aber wenn überhaupt, dann geschieht gerade das. Es geht vielmehr darum, die Grundeigenschaften des alten Dorfes auf moderne Weise weiterzutragen, also Raumbildung, Hofbildung, klare einfache Baukörper, gute Einbindung in die Landschaft – nichts von all dem ist in nennenswertem Maße erfüllt – eigentlich eine gewaltige Bankrotterklärung. Zur Ehrenrettung der Planer und Kommunen kann allenfalls gesagt werden, dass von Zeit zu Zeit Versuche gemacht werden, die in der Masse allerdings kaum zu Tragen kommen.
Das kann und soll nicht das letzte Wort sein: wir wollen uns der eingangs gestellten Frage, ob es das „fränkische Dorf“ noch gibt, abschließend noch einmal stellen. Aus der Sicht des Denkmalpflegers kann man sagen, dass es ein pauschales „fränkisches Dorf“ nie gegeben hat, dafür eine Vielzahl unterschiedlicher Typen fränkischer Dörfer mit städtebaulich hoch funktionalen Raumstrukturen und wertvoller Bausubstanz. Und trotz aller Probleme darf festgehalten werden, dass es einen nicht zu übersehenden Teil dieser Qualiäten dank des Engagement von Gemeinden, staatlichen Behörden und vor allem von wertebewussten Hauseigentümern und Bürgern immer noch gibt. Es gibt allerdings keinen Grund, in den Bemühungen um die Erhaltung des guten Alten, aber auch um die Schaffung von qualitätvollem Neuen nachzulassen.
Zitat
@online{gunzelmann2001,
author = {Gunzelmann, Thomas},
title = {Gibt es das fränkische Dorf noch?},
date = {2001-11-09},
url = {https://thomas-gunzelmann.net/themen/dorf/gunzelmann_dorf.html},
langid = {de}
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